Rechts-Links-Vorwärts-Rückwärts

Seit nun mehreren Wochen finden direkt vor meiner Haustür und in meiner unmittelbaren Umgebung Woche für Woche Demonstrationen gegen den Bau eines Flüchtlingsheims statt. Hinzu kommen Gegendemonstrationen, die versuchen wollen diese erstgenannten Demos zu blockieren oder zu verhindern.

Ich gebe zu, dass ich mich wahrscheinlich weniger oder gar nicht mit der Thematik beschäftigen würde, wenn es nicht in meinem direkten Umfeld passieren würde. Vermutlich würde ich sonst auch eher gleichgültig bleiben, denken, dass es nur eine temporäre Erscheinung sei und sicher wieder vorbeigeht.

Insofern ist es möglicherweise gar nicht so schlecht, dass ich nicht wegschauen kann und auch nicht mehr wegschauen will.

Das, was vor meiner Haustür und in anderer Ausprägung in anderen deutschen Städten passiert, geht uns alle an und die Zeit der Gleichgültigkeit sollte vorbei sein.

Persönlich fällt es mir immer schwerer davon zu erzählen. „Was passiert da in Marzahn?“ „Was schon wieder ein Demo?“ „Was wollen die denn?“

Tja, und dann versuche ich zu erklären, dass da in meiner Nachbarschaft ein Flüchtlingsheim geplant ist, auf einer Freifläche, fast in Sichtweite zu meiner Wohnung. Und gegen den Bau dieses Flüchtlingsheims gehen Leute auf die Straße, angeblich „besorgte Anwohner“, was aber nicht glaubwürdig ist. Diese Demonstranten konnten sich viel zu schnell viel zu gut organisieren. Das funktioniert in einer Nachbarschaft nicht in diesem Tempo. Also werden diese Demonstrationen organisiert und angemeldet von bekannten Rechtsradikalen. Das wurde uns stolz in einem Flugblatt mitgeteilt. Es handelt sich also um Demonstrationen von Rechts, organisiert von Radikalen, möglicherweise unterstützt von Anwohnern, die nur zu leicht auf diesen Zug aufspringen, der eine Plattform für frustrierte Bürger bietet.

Die Parolen, die während der rechten Demos gerufen werden sind eindeutig fremdenfeindlich, grenzen an Volksverhetzung und entsprechen nicht der Idee unserer Demokratie. Eindeutig Rechts. Eindeutig Fremdenfeindlich.

Ja, ich höre schon das Aufbrausen derjenigen, die mir jetzt erklären, dass ja Demokratie vom Volk ausgeht und das unsere Politiker ja sowieso immer alles anders machen, als vorher versprochen und definitiv am Willen des Volkes vorbei. Der Willen des Volkes setzt sich aus deutlich mehr zusammen, als ein einzelner bis zu seinem eigenen Tellerrand überblicken kann und nur weil da welche pöbelnd auf die Straße gehen, ist das noch lange nicht der Wille von allen.

Nicht wer am lautesten schreit, hat recht.

Wenn ich aber meiner Familie, meinen Freunden oder Kollegen erkläre, dass es dann auch noch Demonstrationen von Links vor meiner Haustür gibt, ist die Verwirrung oft groß. Ich finde es sehr wichtig, dass es Menschen gibt, die so mutig sind, und gegen die Demonstrationen von Rechts auf die Straße gehen. Menschen, die den Mut beweisen, sich dem Mob entgegenzustellen. Ich gehöre nicht zu diesen mutigen Menschen, die auf die Straße gehen, ich wehre mich Stück für Stück im Einzelnen, werde nicht wegschauen und mit so vielen Menschen wie möglich über das reden, was vor meiner Haustür geschieht.

Allerdings ärgert es mich massiv, dass die organisierten antifaschistischen Gruppen alle Bewohner Marzahns in eine Schublade stecken. Nein, nur weil ich in Marzahn wohne, unterstütze ich nicht die rechtsradikalen Auswüchse in meiner Nachbarschaft.

In der letzten Woche ist die Diskussion rund um die Ursachen und Ausprägungen der Demonstrationen in Marzahn und in anderen deutschen Städten ein wenig in die Öffentlichkeit geraten. Das ist ein erster Schritt, in meinen Augen aber noch immer zu wenig.

Es wird verharmlost, nicht ernst genommen und Realitäten verdrängt oder als unwahr abgetan.

Wenn ich in an einem Briefkasten der Deutschen Post einen Aufkleber „Ein Herz für Nazis“ lesen muss (und diesen gnadenlos abreiße), dann ist das traurige Realität in Marzahn. Wenn drei Tage später ein Mann durch die Straßen läuft und „Sieg Heil“ ruft, dann mag das ein Einzelfall sein, aber dann sind es zu viele „Zufälle“ auf einmal. Die Gefahr von Rechts ist real und nicht mehr unter den Teppich zu kehren.

Warum aber funktioniert das so gut und so schnell?

Die Rechtsradikalen arbeiten mit bestehenden Ängsten in der Bevölkerung. Meine ganz persönliche Meinung und Beobachtung ist, dass das Relikte einer nicht aufgearbeiteten Nazi-Vergangenheit zu Zeiten der DDR und nach der Wende sind. Die Strukturen und die Strategien sind in diesem Teil Deutschlands nicht konsequent aufgearbeitet worden und damit haben Organisationen ein leichtes Spiel und die Gefahr wird nicht erkannt.

Durch die immer wiederkehrende Aufarbeitung der Nazizeit haben sich die Stimmen gehäuft, wie anstrengend und überflüssig das doch sei. „Wir waren das nicht. Sich dafür immer noch verantworten zu müssen nervt.“ – Stimmt ein wenig. Wir (also unsere Generation) waren das nicht. Aber wir sind dabei, es wieder zu tun.

Provokant: Ersetze in den Parolen der Rechts-Demonstrationen die Worte „Islamisierung“, „Flüchtlinge“ oder „Asylanten“ durch das Wort „Juden“ (Achtung! Dieses Wortspiel soll bitte nur die Gefahr verdeutlichen). Die Gefahr ist eindeutig.

Die Reaktionen sollten spätestens jetzt sehr eindeutig sein.

Ich muss gestehen, wenn auch nur mit großem Widerwillen: Die rechte Bewegung macht das bessere „Marketing“. Die linken Organisationen und auch die Politik bieten aktuell keine brauchbaren Lösungen für die heraufbeschworenen Ängste.

Wenn hier Links-Demonstranten mit Parolen wie „Ihr habt den Krieg verloren“ durch die Straßen ziehen, dann holt man damit keinen Hund hinter dem Ofen hervor, schon gar nicht Anwohner, die bis vor kurzem noch völlig unpolitisch vor sich hingelebt haben. Es braucht Lösungen, damit sich Menschen gegen Rechts stellen, aktiv darüber reden, Position beziehen und Verantwortung übernehmen.

Ich fürchte, wir haben es hier mit einem Relikt einer nicht konsequent erlebten und erarbeiteten Einheit zu tun. Ich stelle mir folgende Frage: Haben wir es verpasst, gemeinsame demokratische Werte zu vermitteln?

Politische Realität ist, dass wir immer nur die Schuld bei den anderen suchen, selbst aber viel zu wenig in die Gemeinschaft investieren. Es sind nicht immer die Politiker schuld, es beginnt bei uns selbst. Meinungsfreiheit ist ein demokratisches Recht, Wahlfreiheit ein anderes. Ich schriebe und sage immer wieder: „Wer nicht wählen geht, darf nicht jammern.“

Es ist Zeit, sich klar gegen Rechts zu positionieren, Verantwortung zu übernehmen und nicht mehr die Augen zu verschließen. Es liegt in der Verantwortung jedes einzelnen genauso wie in der Verantwortung der Politik, aber auch in der Verantwortung von Unternehmen, sich klar zu positionieren, Werte zu vermitteln und damit die Gefahr von Rechts zu bekämpfen. Die Zeit ist reif.

3 thoughts on “Rechts-Links-Vorwärts-Rückwärts

  1. Raphaela, ich als Berlinerin beobachte diese Ereignisse auch mit großer Sorge. Noch sehr gut sind mir die Bilder aus Hoyerswerda, Möln oder Rostock im Gedächnis. Damals war eine ähnliche Stimmung gegen den Migranten im Land. Es war damals auch eine Zeit der “Massenflucht”, weil das politische Klima vielerorts auf der Welt dies eben begünstigte. Auch damals gab es viele “besorge Bürger”. Der Hass wurde soweit hochgeschaukelt bis Heime und Menschen brannten. Meine Sorge gilt den Asylbewerbern, die dort diese Art an Anfeindungen ausgesetzt sind. Meine Sorge ist, dass auch diesmal Heime brennen.
    Ich will nicht daran glauben, dass die Menschen in Marzahn wie damals die Menschen in Hoyerswerda dabei zuschauen werden. Ich will hoffen, dass in Marzahn mehr Menschen es so sehen, wie du es siehst.
    Ich danke dir, dass du diesen Blog hier ins Leben gerufen hast. Es ist wunderbar zu lesen. Ich danke dir als ein Mensch, der vor Jahren hier in Deutschland Asyl beantragte und ganz genau weiß, was es heißt Flüchtling zu sein.
    Vielen Dank für deine Weitsicht!
    Leyla

    • Liebe Leyla,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Die ganze Situation ist besorgniserregend. Der Anschlag in Vorra war hoffentlich nicht der Anfang, aber über FB wurde öffentlich Zustimmung geäußert. Das ist schrecklich.
      Wenn wir alle darüber reden, wachen noch mehr Menschen auf und wir haben eine realistische Chance, diese Tendenzen zu unterbinden.
      VG

  2. Hallo,

    als Antifaschist aus der “Innenstadt” freue ich mich eine solche Äußerung von einer zu Recht und wahrhaftig besorgten Anwohnerin zu lesen. Tatsächlich empfinde auch ich es als Problem, dass viele unserer Genoss*innen nicht daran glauben, dass es auch viele gute Leute in Mahrzahn gibt (an denen es ja leider auch an allen anderen Orten mangelt).

    Oft wird von Antifas aus der Mittelschicht/Kleinstadt (bewusst oder unbewusst) die Gleichsetzung Plattenbau = Pöbel mit wenig Bildung = rechts vollzogen, auch wenn das meiner Erfahrung nach nicht die Mehrheit ist. Das ist keine linke Position, denn die müsste soziale Probleme in ihren Ansatz einbeziehen um alle Leute anzuprechen und das gelingt bisher nicht wirklich. Es sind ja Probleme die uns alle angehen – zu wenig öffentliche Mittel, hohe Mietpreise, Konkurrenz um Arbeitsplätze – an die rassistisches Gedankengut anknüpfen kann und die auch die Geflüchteten in diese schlimme Situation bringen in einem Container wohnen zu müssen, was sie immer stigmatisieren und zur Zielscheibe werden lässt.

    Viele Grüße,
    einer von den Links-Demonstranten

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