Alltäglicher Rassismus im Alltag

Ich habe mich bisher für einen realistischen und auch weltoffenen Menschen gehalten. Sicher auch mit einer persönlichen „weltanschaulichen Brille“, bestimmt auch nicht immer ganz ohne Vorurteile, aber im Großen und Ganzen einigermaßen „normal“.

Allerdings fühle ich mich derzeit, als hätte ich ein komplett falsches (Welt-)Bild. Vielleicht bin ich doch naiv oder einfach zu optimistisch oder zu idealistisch.

Ich spreche hier von dem mir inzwischen fast täglich begegnendem alltäglichen Rassismus, der mittlerweile fast selbstverständlich zu sein scheint. Ich meine damit nicht die Diskussion um „Zigeunerschnitzel“ oder „Negerküsse“ (ok, politisch korrekt wären Paprikaschnitzel und Schaumkuss mit Schokoüberzug).

Ich meine, dass mir mittlerweile wirklich fast täglich Menschen begegnen, die sich offen rassistisch äußern, ohne dass jemand widerspricht.

Es begann vor einigen Monaten damit, dass mir zwei ältere Damen in der S-Bahn gegenüber saßen und sich über den Bau des geplanten Flüchtlingsheims unterhielte. Das Fazit der „Damen“:Flüchtlingen helfen müsse man ja, aber doch nicht in unserem Bezirk (andere Bezirke wäre da geeigneter), am besten aber in einem abgeschlossenen Bereich. Dass man das Ghetto nennt, haben sie gerade selbst festgestellt, als ich bereits Luft holte für die Entgegnung, dass sie dann doch gleich noch Sterne als Kennzeichnung ausgeben sollten. Meine entsetzten und strafenden Blicke haben sie wohl registriert.

Vor kurzem war ich auf einem der zurzeit zahlreich stattfindenden Neujahrsempfänge. Dieser fand in einer evangelischen Kirchengemeinde statt. Ich war als Gast eingeladen, da ich für die an die Gemeinde angeschlossene Kita arbeite.

Zunächst war der Abend unspektakulär, wie solche Abende eben verlaufen. Irgendwann wurde angekündigt, dass es noch den ein oder anderen kurzweiligen Beitrag geben sollte, der vorgetragen werden sollte.

In einem der Texte geht es dann plötzlich um Proletarier, um Schwule und auch um Türken. Wir stutzten kurz beim Zuhören, dachten aber noch, das wäre weiter kein Problem. Der Text entwickelte sich jedoch als ein rassistisches und diskriminierendes Pamphlet gegen die o.g. Gruppen. Ich erspare uns Einzeleheiten. Wir tauschten verwirrte und erschrockene Blicke aus. Die meisten von uns waren sich aber noch sicher, dass doch irgendwann noch die Pointe kommen musste, die das Ganze noch irgendwie (sofern überhaupt noch möglich) einigermaßen ins Satirische drehen müsse. Doch dieser Wendepunkt blieb aus.

Schon während der Vortrags hatte ich das Gefühl, aufstehen zu müssen und laut zu erklären, dass ich den Text für unangemessen halte, zu dieser Zeit und an diesem Ort, nämlich in einer Kirchengemeinde, die doch ein Ort der Nächstenliebe sein sollte.

Der Unmut an meinem Tisch wuchs und wir überlegten, den Raum geschlossen zu verlassen. Dazu kam es leider nicht mehr.

Ich bin zwar aufgestanden und habe noch während des Vortrags dem zuständigen Pfarrer meine Bedenken gegen den rassistischen und diskriminierenden Text mitgeteilt, aber ich habe es eben nicht öffentlich gemacht.

Im Nachhinein ärgere ich mich, nicht meinem Impuls gefolgt zu sein. Genaugenommen schäme ich mich sogar, dass ich nicht den Mut hatte, öffentlich gegen Rassismus im Alltag einzustehen.

Aus diesen und aus zahlreichen weiteren kleinen Gegebenheiten im Alltag lerne ich für mich, dass ich noch viel intensiver Rückgrat beweisen muss gegen den alltäglichen Rassismus im Alltag. Ich werde nicht mehr schweigen (aus welchen Gründen auch immer).

Wie lange schleicht sich Diskriminierung und Rassismus eigentlich schon in unseren Alltag? Es ist an der Zeit, aktiv dagegen anzugehen. Das Minimum, was ich tun kann: Meine Kerze brennt.

Nachtrag: Ich habe recherchiert. Der vorgetragene Text ist 2002 erschienen im Rahmen einer Kolumne in „Die Zeit“ und stammt von einem bekannten Journalisten und Autor. Vermutlich war der Text als Satire gedacht und in vielen Punkten ironisch gemeint. Ich habe ihn unter diesen Aspekten noch einmal gelesen. Für mich bleibt der Text weiterhin diskriminierend und rassistisch.

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